Second Life Syndrome - Indioglossia.de (German)

RIVERSIDE aus Polen sind ja in letzter Zeit zu so etwas wie Kritikerlieblinge geworden. Nach dem Debüt („Out Of Myself“) und einer EP („Voices In My Head“), die übrigens mitte Mai bei InsideOut neu aufgelegt wird, startet „Second Life Syndrome“ so richtig durch. Krankte das Erstlingswerk noch an endlos ausgedehnten Soundscapes und zu wenig Struktur, so kann „Second Life Syndrome“ nicht nur begeistern, sondern über weite Teile gar euphorisieren!

„After“ geht eher als lang gestreckte Intro durch, erst bedeutungsschwangeres Flüstern, dann hypnotisch-meditative Drums und dunkle, harmonische Satzgesänge – genug Zeit, um zur Ruhe zu finden und Geist und Ohren für die folgenden 60 Minuten zu öffnen.

„Volte-face“ ist gleich ein Knaller! Fettes Riffing, diese für Gitarrist Piotr Grudzinski so typischen orientalischen Gitarrenläufe und dröhnende Hammond Orgeln zaubern einen genauso massiven wie transparenten Soundwall – ohne in plakatives Metal-Geballer abzudriften. Und der Gesang … Mariusz Duda zählt zu den allerbesten seines Faches! Seine klare Stimme strahlt eine unheimliche Wärme aus, atmet dunkle Melancholie, steigert sich urplötzlich zu fast growlartigen Schreien, nur um kurz danach wieder in wunderschönen, beinahe introvertierten Melodien zu versinken.

Selten hat eine Ballade so berührt wie „Conceiving You“. Vor allem die erste Hälfte läßt einen spüren, wie Mariusz Duda mit den Texten verschmilzt und jedes Wort durchleidet. Die Melodie schwebt quasi durch die Boxen und läßt einen Weltschmerz ganz ohne Kitsch erfahren. Dezente Synthies und das hochmelodische Gitarrenspiel verweben sich zu einem faszinierenden Melancholie-Trip.

Und nun zum Titeltrack: Wie es sich anscheinend gehört, ist dieser über 15 Minuten lang. Floydsche Gitarrenatmosphäre bereitet den Weg für zuerst zurückhaltende Hammondeinsätze und härtere E-Akkorde. Dudas quirlige Bassläufe läuten den Gesang ein. Der Grundton des Albums ist gegenüber dem Vorgängeralbum deutlich härter ausgefallen, dennoch befinden sich genügend Oasen der Ruhe in beinahe jedem Stück. Nach knapp der Hälte des Titeltracks zeigen RIVERSIDE wieder mal, daß sie ein beinahe unheimliches Gespür für traurig-schöne Melodien haben, es paßt einfach jede Note, der Gesang fließt und man weiß genau: Nicht ein Ton dürfte hier anders sein! Nach zwei Dritteln scheint der Song beinahe in Stille zu versickern, bevor die Instrumente wieder heftig angepackt werden und sowohl Schlagzeug als auch E-Gitarre mit orientalischem Flair drauflos proggen.

„Artificial Smile“ ist gradliniger, irgendwie atemlos und drängend; das Instrumental „Reality Dream III“ knallt rhythmisch und vertrackt, die Hammonds dröhnen, daß es eine Wonne ist, „Dance With The Shadow“ bezaubert mit einer beschwörenden Gesangsmelodie, die Instrumente halten sich fast vollständig zurück, dann wiederholt die Gitarre einen Teil des Gesangsthemas, bevor sich wilder, niemals strukturloser Prog Metal mit Oasen in sich gekehrter Ruhe abwechseln. Die elegischen Gitarrensoli sind wahre Seelenschmeichler ohne nach belangloser Meditationsberieselung zu klingen.

FAZIT: Eine echte Neuentdeckung! RIVERSIDE klingen wie eine originelle Mischung aus PAIN OF SALVATION und PINK FLOYD. Gesang und Gitarrenspiel werden in nächster Zeit wohl nicht mehr an Schönheit übertroffen werden können. Eine Entdeckungsreise in Moll, dennoch mit einer genügenden Menge Härte ausgestattet. Nicht verpassen!

Publication

2006-05-01

Reviewer

Nils Herzog

Rating

12/15