Anno Domini High Definition - powermetal.de

Die beste Band der 2000er?

Mit diesem vierten Album brechen RIVERSIDE zu neuen Ufern auf. Losgelöst von den selbst auferlegten Fesseln des dreiteiligen "Reality Dream"-Konzepts, können sich die Polen jetzt neu entfalten, Grenzen ausloten und Änderungen in den bandeigenen Sound einbauen. Progressiv sein eben. Und diese Möglichkeiten nutzt die Band konsequent aus. Aber keine Angst. RIVERSIDE klingen trotz aller Änderungen immer noch nach RIVERSIDE. Vielleicht sogar mehr denn je.

Schon nach dem ersten Durchlauf war ich davon beeindruckt, wie es die Band schafft ihrem Sound neue Facetten hinzuzufügen und gleichzeitig eindeutig nach RIVERSIDE zu klingen. "Anno Domini High Definition" ist härter, gefühlvoller und abwechslungsreicher als alles, was die Jungs bisher zu bieten hatten. Und das in nur fünf Songs und exakt 44:44 Minuten Spielzeit. Am deutlichsten ist die Weiterentwicklung bei Keyboarder Michal Lapaj, der mit seinen variablen Tastentönen den Songs immer wieder seine Stimmungen diktiert. Mal mit hintergründigen Flächen, dann mit 70er-Orgelsounds, dann mit klassischen Pianomotiven. Und das immer perfekt in den Song eingebettet.

Ebenso perfekt sind die Experimente angebracht. So ist allerspätestens die Bläsersektion in 'Egoist Hedonist' der erste echte Aufhorcher beim weniger intensiven Hören. Nur um beim Doublebasspart von 'Hybrid Times' noch mal aufzuschrecken. Aber das sind nur die vordergründigen Stellen, die im Gedächtnis bleiben. Der wie immer tiefgehende Gesang von Mariusz Duda geht auch diesmal bis unter die siebte Schichte der Haut. So aufgewühlt und leidenschaftlich klang er selbst bei den emotionalsten Momenten der letzten Alben nicht. Was angesichts der Emotionalität der "Reality Dream"-Trilogie ein echtes Wunder ist.

Und natürlich komme ich auch nicht umhin, ein Wort über Gitarrist Piotr Grudzinski zu verlieren. Natürlich gibt er immer noch den Gilmour, aber zum einen passt das ausgezeichnet zu den Kompositionen, zum anderen ist das nur ein Bruchteil seines Könnens. Unglaublich mit welcher traumwandlerischen Sicherheit er bis ins Mark treffende Melodien auf seinen Saiten zelebriert.

Dass es bei RIVERSIDE nicht nur um die Musik geht, ist bekannt. So dass auch "Anno Domini High Definition" ein Grundthema hat. Die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft, das Fehlen von Emotionen, der Fatalismus der Jugend. All das sind Themen, die in den fünf Nummern aufgegriffen werden. So gewinnt das Album unter dem Kopfhörer noch mal deutlich an Klasse.

Ich mag es ja fast gar nicht schreiben. Aber ich glaube wirklich, dass "Anno Domini High Definition" das bislang stärkste Werk des polnischen Quartetts ist. Die neue Freiheit zeigt das unglaubliche kreative Potential einer Band, die sicher noch nicht den Zenit ihres Könnens erreicht hat. Absolut fantastisch.

Anspieltipps: Hyperactive, Driven To Destruction, Egoist Hedonist, Left Out, Hybrid Times

Publication

2009-06-01

Reviewer

Peter Kubaschk

Rating

9,5/10