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"SONGS" bietet in Vergleich zu den vorherigen Alben, vor allem zur "Reality Dream"-Trilogie ("Out Of Myself", "Second Life Syndrome" und "Rapid Eye Movement") ein paar signifikante Änderungen: Man stellt einerseits einen verstärkten Hang zum 70ies Rock à la DEEP PURPLE fest, andererseits werden ruhige und verträumte Passagen mehr ausgebreitet.

M: Wir wollten wirklich und wahrhaftig ein anderes Album aufnehmen als die Alben zuvor. Wir hatten bislang eine Formel für unser Songwriting, die ich mittlerweile etwas leid bin. Wir wollten endlich einmal etwas Neues probieren. Die Idee, wie unser neues Album klingen könnte, kam von dem Track 'Left Out' von "Anno Domini High Definition". Hier ist am Ende ein härterer Part im Stile älterer Hardrockbands, der eine ganz bestimmte Stimmung transportiert. Wir dachten uns, dass wir genau solche Elemente auf "SONGS" auf Kosten der Metalparts ausweiten sollten. Weisst Du, unser Keyboarder Michal (Lapaj) besitzt Instrumente, die älter sind als er. Mellotrons, Moogs und eine Hammondorgel und die wollten wir diesmal mehr einsetzen. Vielmehr noch, wir wollten auch versuchen, die Gitarren in diesem für mich natürlicheren Stil zu spielen. Für uns war dies eine neue Herausforderung und ein Weg, etwas Spezielles zu erschaffen.

Nun habe ich im einem Interview bei den Kollegen vom ECLIPSED gelesen, dass Deine Bandmates, vor allem die beiden Piotrs (Grudzinski, git und Kozieradzki, dr) beinharte Metalfans sind, die auf so Zeug wie CELTIC FROST stehen. Wie bringst Du ihnen bei, bei RIVERSIDE nun ausgerechnet die Metalparts rauszunehmen?

Ich sag Dir: Alle meine Freude, vielleicht bis auf Michal, haben Metal-Roots. Unser Drummer (Piotr Kozieradzki) hat beispielsweise zehn Jahre lang in einer Death-Metal-Band gespielt. Doch als wir mit RIVERSIDE angefangen haben, war ich derjenige, der am meisten Metal machen wollte. Die Jungs jedoch sagten mir, dass sie etwas anderes machen wollten, denn sie haben ja die ganze Zeit schon Metal gespielt. Sie wollten sowas wie MARILLION und Balladen spielen! Es war paradox, denn ich hatte vorher immer Prog gemacht und wollte meinerseits was anderes probieren, nämlich Metal! Also habe ich angefangen, Metal-Riffs auf dem Bass zu spielen. Die Metal-Passagen auf den ersten Alben sind somit auf meinem Mist gewachsen. Nach "Anno Domino High Definition" wurde ich der Metalparts allerdings müde, sie haben mich gelangweilt und ich wollte mich ganz einfach nur noch auf die Songs an sich konzentrieren, schlicht und einfach gute, ambitionierte Kompositionen schreiben. Und wenn man ehrlich ist: RIVERSIDE sind im Grunde näher an Bands wie PINK FLOYD als an DREAM THEATER. Wir sind keine technische Band, ich bin kein großer Fan von Bands wie beispielsweise THRESHOLD. Prog Metal is not my cup of tea. Das ist mir zuviel Technik und zu wenig Emotion. Ich möchte mit RIVERSIDE weg von dieser Musik hin zu...nun ganz einfach zu guten Arrangements, Kompositionen, Songs! Das ist nun die große Herausforderung. Wir wollten diesmal etwas reiferes und erwachseneres machen, die sanften, emotionalen Passagen ausbauen und mit diesem Hardrock-Ding zu einer innovativen und zugegebenermaßen etwas sonderbaren Mischung kombinieren, dafür Metalparts und andere Sachen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, weglassen. Das heisst aber noch lange nicht, dass wir es auch in der Zukunft so machen werden. Das nächste Album könnte wieder sehr düster und heavy werden.

Du gibst mir das Stichwort: 'Erwachsen'. Du sagst, und man liest es überall, "SONGS" sei Euer erwachsenstes Album. Woran machst Du das fest? Was bedeutet denn 'erwachsen' im Zusammenhang mit Musik? Waren die anderen Alben im Umkehrschluss dann kindisch?

Mariusz muss etwas überlegen:

Es sind Details! Details, die Du aber erst bemerkst, wenn Du das Album fünf bis sechs Mal gehört hast. Wenn Du ein Album die ersten Male hörst, fokussierst Du Dich erst auf die Gesamtkomposition, also Harmonien, Melodien und so. Aber wenn Du es öfters hörst, dann fängst Du vielleicht an, tiefer zu suchen, auf Details zu achten. Auf unseren älteren Alben kamen etliche Passagen sehr spontan und wir hatten keine Zeit, diese auszuarbeiten. Es war Studioroutine, es gab Deadlines, wir wurden mit vielen Dingen nicht fertig, es war immer eine schwierige Situation unter Druck. Diesmal war das anders. Diesmal sind die Songs an sich simpler und dadurch konnten wir uns ausführlicher den Details widmen, die der Musik Tiefe verleihen. Früher lief es so: Du nimmst den Song als Gerüst auf, doppelst hier mal die Gitarren, dort mal die Gesangsspuren, damit es insgesamt besser klingt, Du machst aber nichts, das dem Song selbst mehr Tiefe verleiht. Diesmal wollte ich im Studio Dinge versuchen, die den Songs eine weitere Dimension verleihen, sie dreidimensionaler, detailreicher, ausgereifter - erwachsener - wirken lässen. Die große Kunst ist doch, einfache Songs zu schreiben, die aber trotzdem nicht nach Klischee klingen. Ein Weg, nicht nach Klischee zu klingen, ist, die Arramgements an sich so komplex zu gestalten, dass man das Klischeehafte darunter verstecken kann. Unser Anspruch diesmal war, genau dies nicht zu tun, uns auf die Songs an sich zu konzentieren und diesen so perfekt wie möglich Tiefgang und Reife zu verleihen.

Ich glaube, das habe ich nun verstanden.

"SONGS" gibt es auch all Doppel-CD mit zwei Bonus-Tracks, die auf dem Namen 'Night Sessions' hören. Sind das Jam-Sessions, die in einer dunklen, kalten polnischen Nacht entstanden sind?

Nein, haha. Es ist Ambient-Musik. Wir haben in letzter Zeit viel Ambient-Musik experimentiert. Du kennst die zweite CD von 'Rapid Eye Movement'? Da hatten wir auch schon mit Ambient-Passagen experimentiert. Wir spielen da gern mit rum, am liebsten zu dritt ohne den Schlagzeuger und wir machen gerne elektronische Musik, da sind wir große Fans von. Da "SONGS" ja insgesamt etwas softer ausgefallen ist, dachten wir, dass sowas diesmal wieder gut auf eine Bonus-CD passt. In der Tat beruhen einige Passagen auf 'Night Sessions I' auf Songteilen der Haupt-CD. Auf dem Mittelteil von 'Deprived', um genau zu sein. Da gibt es einen Part, der sehr nach TANGERINE DREAM klingt und den haben wir dann auf zehn Minuten ausgeweitet und mit ein paar neuen Arrangements versehen.

Da kann ich mir schon vorstellen, dass sich meine mehr dem Metal zugetanen Kollegen schwer tun werden. Einigen waren schon die sanften Stellen auf der Haupt-CD zu getragen und zu lang.

Nun, ja, kann sein. Ich andererseits bewundere solche Bands wie ULVER. Die haben ja auch früher puren Metal gemacht und haben sich dann sonderbarer Musik zugewendet. Sie haben auch schon mit Ambient-Sounds experimetiert. Eine solche Mischung ist doch toll! Soweit zum ersten Teil. Im zweiten klären wir die Frage, was ein "new generation slave" ist und warum er in einem Schrein lebt. Einem Schrein mit Rolltreppe, um genau zu sein.

Mariusz, ein wichtiger Aspekt bei RIVERSIDE sind immer die Lyrics gewesen. Kannst Du etwas über die Lyrics auf "SONGS" erzählen? Hat sich hier etwas geändert?

Zunächst einmal ist "SONGS" kein Konzeptalbum, sondern eher ein thematisches Album. Das Grundthema, das sich durch alle Songs zieht, ist Sklaverei. Sklaverei in der heutigen Zeit. Ich wollte diesmal keine Texte über Mobiltelefone, Computer, soziale Medien und, du weisst schon, dieses ganze "big brother is watching you"-Thema schreiben, was wir ja in den vorherigen Alben bearbeitet haben. Diesmal wollte ich mich mehr auf die Gegebenheit konzentrieren, dass viele Leute ihr eigenes Leben nicht mehr kontrollieren können. Sie können sich nicht so verhalten, wie sie gerne wollten. In jedem Track geht es um eine bestimmte Situation, in der man sich heutzutage wie ein Sklave fühlen kann.

Zum Beispiel wird es immer schwieriger, so etwas wie Passion oder Freude mit seiner täglichen Arbeit zu verbinden. Darum geht es im ersten Song ('New Generation Slave'): Die Leute, um die es sich hier dreht, müssen sich ständig beschweren und fühlen sich ständig krank.

In eine ähnliche Richtung geht der dritte Track ('Celebrity Touch'; kann man wohl am besten mit "die Berührung mit Ruhm" übersetzen). Hier geht es im Prinzip um die immer stärker werdende Geltungssucht. Heutzutage kann sich jeder vormachen, wichtig zu sein. Jeder kann sich auf Facebook ein Profil erstellen, seine Bilder hochladen und Likes zählen. Dies suggeriert einem dann, anerkannt zu werden, etwas zu zählen. Nach dieser virtuellen Berührung mit dem "Berühmtsein" werden viele Leute regelrecht süchtig und damit gewissermaßen versklavt.

Bei 'We Got Used To Us' geht es um Beziehungen, insbesondere um solche, die einem nur noch das Gefühl geben, in einem Käfig zu leben.

In 'Deprived (Irretrievably Lost Imagination)' geht es darum, dass wir als Kinder eine viel breitere Phantasie und Vorstellungskraft hatten, als als Erwachsene. Dieser hat heutzutage doch alles, was seine Persönlichkeit ausmacht und was ihn prägen könnte auf seiner Festplatte oder seinem Smartphone gespeichert.

'Escalator Shrine' thematisiert die Identität einer Person. Leute geben viel leichter ihre Persönlickeit auf oder bilden sie gar nicht erst aus. Zum Beispiel gibt es vor allem jüngere Menschen, die einmal hier arbeiten, dann nach ein paar Monaten woanders, dann werfen sie alles komplett über einen Haufen und machen etwas ganz anderes. Dasselbe gilt auch für ihre Gefühle und ihren Glauben. Überspitzt gesagt, beschliessen sie, katholisch zu sein und zwei Wochen später werden sie dann Buddhisten.

All diese Situationen, die ich Dir gerade beschrieben habe, führen dazu, dass man sich wie ein Skalve fühlen kann. Dennoch - die Lyrics sollen nicht politisch oder irgendwie sozialkritisch sein. Ich möchte das Thema eher auf der psychologischen anstatt auf den soziologischen Ebene behandeln.

Okay, jetzt haben wir die Sklaven der heutigen Generation behandelt, jetzt bleibt noch der Schrein, den ich in diesem Zusammenhang nicht ganz verstehe. Ein Schrein ist doch eher etwas religiöses. Deutest Du mit dem Schrein einen Weg zu Erlösung dieser Sklaven an? Oder wofür steht der Schrein?

Der Schrein ist für mich eher wie eine große Markthalle. Er symbolisiert einen Ort, wo die Leute gerne sind, wo sie sich treffen, wo sie gerne Zeit verbringen. Viele Familien verbringen doch am liebsten den gesamten Sonntag auf dem Markt.

Äh? Irgendwie bekomme ich den Dreh nicht hin. Fragen wir mal anders. Was sollen die Leute denn Deiner Meinung nach tun, um der beschriebenen Art der modernen Sklaverei zu entkommen?

Nun, das lustige ist ja, in diesem Schrein hast Du ja eine Rolltreppe ('Escalator Shrine').

Stimmt …

Der Schrein ist doch der einzige Ort, an dem Du beten kannst. Oder, übertragen gesagt, der Schrein symbolisiert den Ort, an dem Du etwas zu Ruhe kommst, die Momente im Leben, wo Du darüber nachdenken kannst, was los ist und was Du tun sollst. Diese Momente werden aber immer seltener und sind viel zu kurz. Und es wird auch schwerer: Wir haben die Finanzkrise, dazu ist vor kurzem auch noch die Welt untergegangen, alles Dinge, die Dich davon ablenken, Dich mit Dir selbst zu beschäftigen.

Was soll man tun? Ich weiß es nicht. Versuche irgendwie, glücklicher zu leben. Versuche, all die Dinge, die du tun musst, um zu leben (also Arbeit, Geld verdienen…) zu etwas zu verbinden, mit dem du dich identifizieren kannst, dem Du Leidenschaft entgegen bringen kannst. Ich weiß, das ist schwer. Aber was ich eben auch nicht verstehen kann ist, dass Leute Dinge tun, die sie eigentlich hassen und dies oft zwanzig, dreißig Jahre lang! Warum kann man nicht mehr sagen: "Hey, das ist MEIN Leben! Ich kann tun, was ich will!" Ich habe selber Leute in meiner Familie, die in so einer Falle sind und alles was sie haben, ist, sich bei anderen zu beschweren, wie unglücklich sie doch sind. Klar, ich habe keine Lösung für das Problem, aber gerade deshalb versuche ich ja, Texte darüber zu schreiben, um die Situation besser nachvollziehen zu können.

Um dieses Thema abzuschließen: Ich wollte mit meinen Lyrics zeigen, wie sich viele Menschen von heute fühlen. Ich wollte ein Bild unserer Gesellschaft machen, ich wollte den Leuten einen Spiegel vorhalten und zeigen, dass irgendwas ziemlich seltsames mit unserer Gesellschaft passiert.

Puh! Man hört Mariusz an, dass ihm sehr viel an dieser Botschaft liegt. Vieles, was er hier sagt, kann ich auch nachvollziehen und ich sehe es selber bei meinen Freunden, bei meiner Familie, bei mir selber. Ich kann nur empfehlen, "SONGS" auch auf der Ebene der Lyrics zu erkunden.

Meine letzte Frage, die nach diesem ernsten Thema eher trivial anmutet, thematisiert die polnische Progszene: Sind RIVERSIDE von polnischen Progbands beeinflusst worden und andersherum, inwieweit reicht der Einfluß von RIVERSIDE auf neue Progbands aus Polen?

Als ich angefangen habe, mit RIVERSIDE diese Progschiene zu fahren, gab es eigentlich nur wenig Bands. Klar, ganz früher gab es SSB und Czesław Niemen, das war's aber auch schon. In den Neunzigern hatten wir natürlich mehr Bands (COLLAGE, ABRAXAS, QUIDAM…), aber die waren alle eher mit dem klassischen Art Rock oder Prog Rock verwurzelt und waren auch nur in der entsprechenden Szene bekannt. Wir waren die ersten, die diesen Stil etwas härter spielten. Einige Bands sind mit uns gestartet, doch wir waren die ersten, die hier auch in anderen Kreisen ankamen. Zum Beispiel bei Metallern, aber auch in Alternativ- und sogar Pop-Kreisen konnten wir unsere Popularität aufbauen. Das hat sicher einigen Bands, die mit oder nach uns angefangen haben, Mut gemacht, selber durchzustarten.

Gut gesagt. Damit bedanke ich mich bei Mariusz für seine Zeit, trotz polnischem Winterchaos, und fordere ihn auf, bei der kommenden Tour zu "SONGS" doch endlich auch mal nach München zu kommen. Sonst …

Interviewee

M.DUDA

Interviewed

Thomas Becker

Date

2013-02-05
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